Eine Veganerin im Naturschutz – Beweidung, Biodiversität und meine kognitive Dissonanz

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Veganismus und Naturschutz gehen in vielerlei Hinsicht Hand in Hand. Ob nun Klimawandel, Stickstoff-Einträge oder Biodiversität, es gilt die Faustregel:

Je weniger „Nutz“tierhaltung, desto weniger Umweltbelastungen.

Doch dann stand ich vor einem Dilemma, einem inneren Widerspruch, der mich nach wie vor beschäftigt. Das liebe Grünland.

Grünland ist in Mitteleuropa eine vom Menschen geschaffene Sekundärvegetation. Dies bedeutet in aller Kürze: Wenn die Flächen nicht durch regelmäßige Nutzung, wie Mahd oder Beweidung, freigehalten würden,  dann würde sich über kurz oder lang auf den allermeisten Standorten ein Wald entwickeln. Diese natürliche Vegetationsentwicklung nennt man Sukzession.

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Wenn Grünland, also Wiesen und Weiden nicht „natürlich“ sind, warum werden sie dann aus Naturschutzgründen erhalten?

Biodiversität ist das Stichwort. Mageres Weide-Grünland zählt zu den artenreichsten Ökosystemen in Mitteleuropa. Da diese Form der Flächennutzung schon sehr alt ist haben sich eine Menge Pflanzen und Tiere (eine ganze Lebensgemeinschaft) an die menschliche Nutzung angepasst. Stichwort Co-Evolution. Viele Tier- und Pflanzenarten dieser Magerwiesen sind von einer extensiven (als Gegenteil von intensiver) Nutzung der Fläche abhängig. Unter ihnen sind viele heutzutage seltene Arten, weil Extensiv-Grünland immer seltener wird. Die zwei Hauptgründe hierfür sind Aufgabe der Nutzung und die die darauffolgende Sukzession oder die Intensivierung der Landwirtschaft, mit einer Düngung der Flächen und häufigerer Mahd oder höherem Viehbesatz, was zu einer Abnahme der Artenvielfalt führt.

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Warum das nun ein Problem für mich ist?

Eine beliebte Maßnahme um artenreiches Grünland wiederherzustellen sind Beweidungsprojekte. Hierbei werden Tiere, meist Schafe, Rinder oder Esel genutzt, um Flächen offenzuhalten. Diese Tiere werden im Rahmen dieser Projekte auch getötet und die Vermarktung der tierischen Produkte ist häufig auch Teil ihrer Finanzierung.

Wäre es keine Alternative einfach zu Mähen statt zu Beweiden?

JEIN. auf manchen Flächen sicherlich, aber viele Grünlandstandorte sind entweder zu feucht (Flussauen) oder zu steil (Berghänge) um eine Mahd zu ermöglichen. Außerdem führt eine Beweidung auch zu einer anderen Artenzusammensetzung als einfaches Mähen. Tiere essen einerseits selektiv (das leckere zuerst, das mit Stacheln bleibt stehen); anderseits sorgen sie mit ihrem Tritt für Störungen am Boden. Diese Störstellen können Pflanzen als Keimstellen dienen oder z.B. bestimmten Insekten die Eiablage erleichtern.

Schlenke in Ahlden an der Aller

Und was heißt das jetzt?

Es ist so, dass die Entscheidung magere Wiesen und Weiden zu erhalten eine politisch- gesellschaftliche ist, die viel mit kulturellen Gewohnheiten zu tun hat.  Man kann genauso gut die Meinung vertreten, keine historische Kulturlandschaft und deren Artengemeinschaft zu erhalten.  Stattdessen Naturschutz und Biodiversitätserhaltung nur auf ausgewiesene Wildnis-Gebiete zu beschränken, in denen gar keine Bewirtschaftung stattfindet.

Da geht der Naturschutz auch fließend in Sozialwissenschaften über. Denn es stellt sich die Frage: Was ist denn eigentlich“ natürlich und schützenswert“?  „Natürlich“ ist relativ. In der seit Jahrhunderten von menschlicher Nutzung überprägten Landschaft in Mitteleuropa ist Wildnis im Sinne unberührter, niemals vom Menschen beeinflusster Natur nicht aufzufinden ( da muss man schon in die Hochalpen und weiter Richtung Osten).

Feuchtgebiet Handorf

Wie kann ich also einerseits extensive und artenreiche Weiden toll finden und andererseits gegen „Nutz“tierhaltung sein?

Ganz ehrlich: „Mmmh, weiß auch nicht so genau…“

Als frischgebackene Veganerin dachte ich, dass irgendwann schon eine Lösung für diesen Widerspruch zu finden ist. Über drei Jahre später ist aber keine Auflösung in Sicht. Letztendlich treibt mich das Thema nur so um, weil es ein Symptom für den uralten Kampf zwischen Abolitionismus und Reformismus ist.

Kann ich im Prinzip gegen etwas sein und in der Praxis, es dann aber anders machen? Verweigere ich mich Tiere in irgendeiner Form zu nutzen oder gebe ich mich mit den besseren Lebensbedingungen von Tieren in Ganzjahresbeweidung ab?

Oder anders formuliert:

Ist mein Bedürfnis nach vollständiger Integration meiner Werte in mein Leben größer oder kleiner als mein Bedürfnis nicht unangenehm aufzufallen und sozial akzeptabel zu sein?

ein Herz für Rinder

Mit dieser Frage entlasse ich euch jetzt in die Adventszeit. Die nächsten Wochen werden Foto- und Aquarell- lastig. Ich freue mich schon.

Spaziergang im Park – die ersten Aquarelle

Nach meiner letzten Motivjagd im Park habe ich letzte Woche  ein paar kleine Aquarelle nach den  Fotos  gemalt.

Das Format ist klein (16 x 12 cm) auf  300 g/m2 Aquarellpapier. Ich habe ein wenig ausprobiert, wie ich den Hintergrund denn am besten gestalte.

Beim ersten Pfaffenhütchen-Versuch habe ich einfach auf verschwommene Kleckse gesetzt.

Pfaffenhütchen Euonymus europaeus Aquarell, watercolor

Der zweite Pfaffenhütchen-Versuch gefällt mir schon besser.

Pfaffenhütchen Euonymus europaeus Aquarell, watercolor

Und zum Abschluss noch eine Hagebutte.

Hagebutte, Aquarell, watercolor

Ein wunderschönes Wochenende!